17. Juni 2026
Michele Di Bari
Warum Lehrkräfte weit mehr beeinflussen als Unterrichtsinhalte
Wenn über Bildung gesprochen wird, stehen häufig Lehrpläne, Kompetenzen und Leistungsdaten im Mittelpunkt. Doch eine zentrale Frage gerät dabei oft in den Hintergrund: Unter welchen Bedingungen gelingt Lernen überhaupt?
Die Antwort darauf ist komplex und zugleich erstaunlich klar: Lernen ist nicht nur ein kognitiver Prozess. Lernen ist immer auch emotional und sozial eingebettet. Schülerinnen und Schüler lernen nachhaltiger, wenn sie sich sicher fühlen, Beziehungen als verlässlich erleben und ihre Lehrkräfte als unterstützend wahrnehmen. Bildung entsteht deshalb nicht allein durch Wissensvermittlung, sondern im Zusammenspiel von Fachlichkeit, Beziehung und emotionalem Klima. (Hattie, 2009; OECD, 2019)
Eine internationale Studie mit 679 Mathematiklehrkräften und mehr als 17.500 Schülerinnen und Schülern aus acht Ländern zeigt eindrucksvoll, wie stark die Emotionen von Lehrkräften den Unterricht beeinflussen. Lehrkräfte, die Freude am Unterrichten erleben, schaffen lernförderliche Bedingungen, fördern Motivation und Interesse und erzielen bessere Lernergebnisse. Negative Emotionen wie Ärger oder anhaltende Belastung gehen dagegen häufiger mit geringerer Unterrichtsqualität und schwächeren Leistungen einher. (Frenzel et al., 2021)
Diese Erkenntnisse sind aus psychologischer Sicht wenig überraschend. Emotionen wirken ansteckend. Das Konzept der „emotionalen Ansteckung“ beschreibt, dass Gefühle innerhalb sozialer Gruppen übertragen werden und Lernprozesse beeinflussen können. Im Klassenraum entsteht somit ein emotionales System, in dem die Stimmung und Haltung der Lehrkraft weit über die reine Wissensvermittlung hinauswirken. Schülerinnen und Schüler reagieren sensibel auf die emotionale Verfügbarkeit und das Verhalten ihrer Lehrkräfte. (Hatfield, Cacioppo & Rapson, 1994; Frenzel et al., 2018)
Guter Unterricht ruht deshalb auf zwei tragenden Säulen: fachlich-didaktischer Qualität und gelingender Beziehungsarbeit. Die sogenannte Hattie-Metaanalyse mit Daten von Millionen Lernenden zeigt, dass die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung einen erheblichen Einfluss auf den Lernerfolg hat. Schülerinnen und Schüler lernen erfolgreicher, wenn sie sich gesehen, ernst genommen und unterstützt fühlen. (Hattie, 2009)
Beziehungen schaffen Vertrauen, Zugehörigkeit und emotionale Sicherheit. Die Bindungsforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass sichere Beziehungen eine zentrale Grundlage für Exploration, Lernen und Entwicklung darstellen. Kinder und Jugendliche können sich insbesondere dann auf Lernprozesse einlassen, wenn sie sich sicher fühlen und darauf vertrauen können, Unterstützung zu erhalten. (Bowlby, 1988; Pianta, 1999)
Neurowissenschaftliche Forschung verdeutlicht zudem, dass Lernen unter Stress nur eingeschränkt möglich ist. Befindet sich das Nervensystem dauerhaft im Alarmzustand, werden Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Selbstregulation beeinträchtigt. Positive Beziehungen und ein unterstützendes Klassenklima wirken hingegen als Schutzfaktoren und fördern Lernbereitschaft sowie psychische Gesundheit. (Shonkoff et al., 2012; Immordino-Yang & Damasio, 2007)
Diese Zusammenhänge betreffen nicht nur Schülerinnen und Schüler. Auch das Wohlbefinden von Lehrkräften selbst ist ein entscheidender Faktor für Bildungsqualität. Studien zeigen, dass hohe Belastung, chronischer Stress und emotionale Erschöpfung die Unterrichtsqualität beeinträchtigen und das Risiko für Burnout erhöhen können. Gleichzeitig profitieren Schulen mit einer positiven Arbeitskultur von höherer Motivation, geringeren Ausfallzeiten und besseren Lernergebnissen. (OECD, 2020; Klusmann et al., 2008)
Damit wird deutlich: Das Wohlbefinden von Lehrkräften ist kein „weicher Faktor“ und gelingende Beziehungen sind kein pädagogisches Zusatzangebot. Sie gehören zum Kern professionellen Handelns und sind zentrale Voraussetzungen für Motivation, Lernfreude und Bildungserfolg. Wer gute Bildung will, muss deshalb nicht nur Lernprozesse gestalten, sondern auch Beziehungen stärken und die psychische Gesundheit aller Beteiligten in den Blick nehmen. (Hargreaves, 1998; OECD, 2020)
Gerade in Zeiten zunehmender Heterogenität, wachsender psychosozialer Belastungen und steigender Anforderungen an Schulen wird deutlich: Bildung gelingt nicht allein durch mehr Inhalte oder höhere Standards. Sie gelingt dort, wo Menschen sich sicher fühlen, wo Beziehungen tragen und wo Lernen als gemeinsamer Prozess verstanden wird. (UNESCO, 2021)
Denn am Ende bleibt eine einfache, aber wissenschaftlich gut belegte Erkenntnis:
Beziehung stärkt. Wohlbefinden wirkt. Bildung entsteht.
