23.Oktober 2025
Michele Di Bari

Nicht jede Freundschaft tut gut, auch wenn sie so heißt.

Freundschaften gelten als etwas Positives. Als Schutz, als Halt, als wichtiger Teil kindlicher Entwicklung. Doch nicht jede Beziehung, die „Freundschaft“ genannt wird, ist für ein Kind gesund.

Kinder bleiben manchmal dort, wo sie sich anpassen, klein machen oder aushalten müssen und nicht, weil es ihnen gut tut, sondern weil Alleinsein noch mehr Angst macht als Unglücklichsein.

Die Entwicklungspsychologie beschreibt dieses Verhalten als typisch für Kinder im Grundschulalter: Zugehörigkeit wird zu einem zentralen Bedürfnis, dem andere eigene Bedürfnisse untergeordnet werden (Bukowski, Laursen & Rubin, 2018).
 

Warum Kinder in belastenden Freundschaften bleiben

Im Alter von etwa 7 bis 10 Jahren gewinnt die soziale Gruppe stark an Bedeutung. Kinder beginnen, ihren Selbstwert zunehmend über Rückmeldungen von Gleichaltrigen zu definieren (Rubin et al., 2015).

Wenn Zugehörigkeit unsicher wird, entsteht innerer Druck:

  • „Ich darf nicht anecken.“
     
  • „Ich muss mitmachen.“
     
  • „Sonst bin ich allein.“

Studien zeigen, dass Kinder in diesem Alter belastende Beziehungen häufig nicht als problematisch benennen, sondern die Ursache bei sich selbst suchen (Juvonen & Graham, 2014). Nicht selten halten sie Situationen aus, die sie verunsichern oder verletzen. Aus Angst vor Ausgrenzung.
 

Wenn Anpassung den Selbstwert kostet

Freundschaften, in denen ein Kind regelmäßig übergangen oder abgewertet wird, können langfristig Spuren hinterlassen. Wenn ein Kind sich nicht traut, Nein zu sagen oder Angst hat, eigene Grenzen zu setzen, leidet oft sein Selbstwert. Solche Erfahrungen können sich auch später noch negativ auf das emotionale Wohlbefinden auswirken

Die Forschung belegt einen klaren Zusammenhang zwischen negativen Peer-Beziehungen und vermindertem Selbstwert, erhöhten Angst- und Depressionssymptomen sowie Schwierigkeiten, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu vertreten (Arseneault, 2018), wobei nicht ein einzelnes Ereignis, sondern insbesondere die Dauer solcher Beziehungen als besonders kritisch gilt.
 

Was Kinder lernen dürfen

Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es nicht, jede Freundschaft zu retten, sondern Kindern Orientierung zu geben.

Kinder dürfen lernen:

  • Du darfst Nein sagen.
     
  • Du darfst Grenzen setzen.
     
  • Du musst dich nicht verlieren, um dazuzugehören.

Studien zur Resilienz zeigen, dass Kinder besonders dann gestärkt aus sozialen Belastungen hervorgehen, wenn sie Erwachsene an ihrer Seite haben, die ihre Wahrnehmung ernst nehmen und emotionale Sicherheit vermitteln (Masten, 2014).

Echte Freundschaft beginnt dort, wo ein Kind sich sicher fühlt und nicht dort, wo es sich verbiegt.
 

Wenn Freundschaft kippt: Ausgrenzung, Mobbing und Gewalt

Grenzverletzende Freundschaften können ein Nährboden für Ausgrenzung, subtile Formen von Mobbing sowie emotionale oder körperliche Gewalt sein. Besonders problematisch ist dies dann, wenn Kinder gelernt haben, ihre eigenen Gefühle zu übergehen und Warnsignale nicht ernst zu nehmen.

Langzeitstudien zeigen, dass frühe Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Mobbing das Risiko für psychische Belastungen im Jugendalter deutlich erhöhen (Arseneault et al., 2010). 

Frühes Hinschauen und Begleiten ist deshalb kein Überreagieren, sondern Prävention.

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